
Der Wettbewerbsdruck der deutschen Apothekenlandschaft steigt: Seit Mitte Dezember 2025 verkauft dm rezeptfreie Arzneimittel über seine neue Online-Plattform dm-med. Was die Kunden freut, versetzt traditionelle Apotheken in Angst und Schrecken, denn viele von ihnen bangen ohnehin schon um ihre Existenz. Worum geht es und warum eröffnet diese Entwicklung für Sanitätshäuser und andere Akteure im Gesundheitsmarkt durchaus interessante Perspektiven? Das beleuchten wir in diesem Artikel.
dm-med: Ein strategischer Schachzug mit Millionen-Investment
Mit einem zweistelligen Millionen-Investment hat dm sein bisher größtes Projekt realisiert. Mehrere hundert Mitarbeiter aus nahezu allen Unternehmensbereichen waren am Aufbau von dm-med beteiligt. Das Sortiment umfasst rund 2.500 OTC-Arzneimittel (Over-The-Counter) und 1.000 Produkte aus dem Bereich Hautkosmetik.
dm-Chef Christoph Werner stellt im Gespräch mit dem Handelsblatt klar: „Es geht uns gar nicht darum, uns nun als Online-Apotheke zu profilieren.“ [externer Link] Vielmehr reagiere man auf konkrete Kundenbedürfnisse. Sebastian Bayer, dm-Geschäftsführer für Marketing und Beschaffung, erklärt die Motivation: Kundinnen und Kunden hätten auf der dm-Homepage häufig nach Produkten gesucht, die das Unternehmen aufgrund gesetzlicher Vorgaben bisher nicht anbieten durfte.
Regulatorische Rahmenbedingungen prägen das Geschäftsmodell
Die Konstruktion als Online-Apotheke ist eine Folge deutscher Gesetzgebung. Der Versand erfolgt über ein Logistikzentrum in Tschechien, da der Versand von Arzneimitteln aus Deutschland nicht zulässig ist. Rezepte wird dm nicht einlösen können. Der Fokus liegt ausschließlich auf frei verkäuflichen Arzneimitteln.
Neue Wettbewerbsdynamik im Gesundheitsmarkt
Der Markteintritt von dm verändert das Umfeld weit über den Apothekensektor hinaus. Für Sanitätshäuser und andere Gesundheitsdienstleister beinhaltet diese Entwicklung mehrere interessante Aspekte:
Verändertes Kundenverhalten:
Patienten werden zunehmend online-affin und erwarten digitale Beschaffungswege auch im Gesundheitsbereich. Ein Trend, der die Entwicklung digitaler Angebote von Sanitätshäusern vorantreiben sollte.
Preisdruck und Transparenz:
dm setzt auf günstige Dauerpreise und verzichtet auf kurzfristige Rabattaktionen. Dass davon die Preiserwartungen auch in angrenzenden Bereichen beeinflusst werden können, liegt auf der Hand.
Hybride Versorgungsmodelle:
Der Vorstoß von dm zeigt: Der Gesundheitsmarkt öffnet sich weiter. Sanitätshäuser sollten über strategische Partnerschaften nachdenken und bestehende Geschäftsmodelle überprüfen.
Apotheken unter Druck: Ein Branchen-Problem mit Auswirkungen
Was die Kunden freut, verärgert die Apotheken. Die Reaktionen aus der Apothekerschaft fallen erwartungsgemäß kritisch aus. Es gibt öffentliche Briefe; auch die Kommentarspalten laufen heiß, wie dieses Beispiel von Apotheke adhoc zeigt. [externer Link]
Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV), warnt vor Verunsicherung: Hochwirksame und potenziell gefährliche Arzneimittel dürften nicht „marketinggesteuert von einem Drogeriemarkt rausgehauen werden“. Die pharmazeutische Beratung bei akuten Beschwerden sei unverzichtbar.
Die wirtschaftliche Realität hinter der Kritik
Die Kritik hat jedoch auch handfeste wirtschaftliche Gründe. Viele Apotheken fürchten um einen wichtigen Teil ihres Umsatzes. Verschreibungspflichtige Medikamente bleiben ihr Kerngeschäft. Bei Produkten wie Nasensprays oder Schmerzmitteln sieht die Lage anders aus. Diese lassen sich gut bevorraten und könnten zunehmend in den dm-Online-Warenkorb wandern.
Hinzu kommt: Die deutschen Apotheken befinden sich in einer existenzbedrohenden Situation:
- Seit 13 Jahren keine Honorarerhöhung: Das Festhonorar für die Abgabe rezeptpflichtiger Medikamente liegt unverändert bei 8,35 Euro
- Kostensteigerung um 65 Prozent im selben Zeitraum
- Apothekensterben: Von 2013 bis 2025 sank die Zahl der Apotheken um 19 Prozent
Politische Versprechen ohne Umsetzung
Der Politik sind die Probleme bekannt, Lösungen blieben jedoch bislang aus. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD vom 5. Mai 2025 steht eine Erhöhung des Apothekenpackungsfixums auf 9,50 Euro. Als die Bundesregierung am 17. Dezember 2025 den Kabinettsentwurf zum Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) beschlossen hat, fehlt diese Erhöhung jedoch. [externer Link]
Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände warnt vor einer Gefährdung der flächendeckenden Arzneimittelversorgung. Um auf die Missstände und die Unterfinanzierung ihrer Mitglieder aufmerksam zu machen, hatte die ABDA bereits zu einer Protestaktion [externer Link] aufgerufen: Am 17. Dezember 2025 blieben in zahlreichen Apotheken die Lichter aus. Im Wortsinn; sie blieben dabei geöffnet. Genau: Ausgerechnet kurz nach dem dm-Start.
Chancen für unternehmerisch denkende Akteure
Interessanterweise gibt es jedoch auch positive Stimmen aus der Apothekerschaft. Einige Apotheker haben bei dm angefragt, ob Kooperationen möglich seien, etwa bei der Auslieferung.
dm prüft solche Modelle, stößt jedoch regelmäßig an gesetzliche Grenzen. Ein häufig genanntes Beispiel ist die Apotheke im dm-Markt. Für Kundschaft, Apotheker und dm wäre das attraktiv. Der Gesetzgeber verlangt jedoch eine vollständige räumliche Trennung von Apotheken und anderen Verkaufsflächen.
Was bedeutet das für Sanitätshäuser und den Gesundheitsmarkt?
Die dm-Initiative zeigt, wie sich Versorgungsstrukturen im Gesundheitswesen verändern:
Kundenzentrierung schlägt Tradition:
dm reagiert auf nachweisbare Kundenbedürfnisse. Diesen muss man zuhören! Als Sanitätshaus sollten Sie die Bedürfnisse ihrer Zielgruppen konsequent analysieren und Ihre Angebote darauf anpassen.
Regulierung als Wettbewerbsfaktor:
Gesetzliche Rahmenbedingungen bestimmen maßgeblich die Marktchancen. dm kennt die regulatorischen Spielräume und nutzt sie legal und im Sinne der Kundschaft zum Vorteil.
Omnichannel wird Standard:
Eine Omnichannel-Strategie [externer Link: https://www.oracle.com/de/retail/omnichannel/what-is-omnichannel/], also die Verknüpfung von stationärem Handel und Online-Angebot, zeigt sich als Basis für zukunftsfähige Geschäftsmodelle.
Beratung als Differenzierungsmerkmal:
Während dm auf Preis und Verfügbarkeit setzt, bleibt qualifizierte Beratung ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal für spezialisierte Gesundheitsdienstleister.
Warum die Branche den Strukturwandel als Chance begreifen sollte
Der Einstieg von dm in den OTC-Markt ist symptomatisch für einen umfassenden Strukturwandel im deutschen Gesundheitsmarkt. Für Sanitätshäuser und andere professionelle Akteure in der Branche ergeben sich daraus mehrere Handlungsoptionen:
- digitale Vertriebswege konsequent ausbauen, um im Wettbewerb mit E-Commerce-Riesen bestehen zu können.
- strategische Kooperationen mit verschiedenen Partnern bilden, von Krankenkassen über Ärzte bis hin zu digitalen Plattformen.
- persönliche, fachkompetente Beratung als zentrales Differenzierungsmerkmal stärken. Denn die können Algorithmen (noch) nicht ersetzen.
Der dm-Vorstoß macht deutlich: Wenn Sie im Gesundheitsmarkt erfolgreich bleiben wollen, müssen Sie kundenorientiert denken und bereit sein, etablierte Strukturen zu hinterfragen. Der Markt gehört nicht mehr automatisch denen, die schon immer da waren. Morgen gewinnen diejenigen, die den Bedürfnissen ihrer Kunden am besten gerecht werden.