Sehr geehrte Damen und Herren,
die aktuelle eurocom-Mitgliederbefragung* zeigt: Die Stimmung in der Hilfsmittelbranche ist angespannt. Zu viel Bürokratie, zu wenig Planungssicherheit und ein Innovationsklima, das viele als zunehmend schwierig empfinden. Fast alle Befragten sehen den Bürokratieabbau als dringendste Aufgabe, wenn die Versorgung auch in Zukunft funktionieren soll.
Diese Ergebnisse spiegeln, was viele Betriebe täglich erleben: Der Spagat zwischen Versorgung, Dokumentation und sich ständig ändernden Vorgaben wird immer größer. Gleichzeitig steht die Branche mitten in wichtigen Veränderungen, digital, organisatorisch und strukturell.
In diesem Newsletter greifen wir zwei zentrale Themen auf, die für die Branche derzeit besonders relevant sind:
- Im ersten Beitrag geht es um elektronische Patientenakte (ePA), die elektronische Verordnung (eVO) und die Anbindung an die Telematikinfrastruktur. Warum ist der Zugang für Sanitätshäuser noch immer eingeschränkt – und was braucht es, damit die Digitalisierung wirklich ankommt?
- Im zweiten Artikel fassen wir aktuelle Entwicklungen rund um die gesetzlichen Krankenkassen zusammen. Auch hier tut sich einiges, wenngleich noch keine Lösung der Problematik in Sicht ist.
Viel Freude beim Lesen und Informiertbleiben!
Herzliche Grüße
Ihr TCLOGistiker
Peter Bergfeld
*In den Ergebnissen steckt noch deutlich viel mehr. Um Sie inhaltlich nicht zu überfrachten, verlinken wir hier direkt auf die Auswertung auf der eurocom-Seite.
TCLOG informiert: GKV-Überschuss trotz steigender Ausgaben | Reformbedarf wächst

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Deutschland steht unter einem paradoxen Druck: Obwohl die 94 Kassen im ersten Halbjahr 2025 offiziell einen Überschuss von 2,8 Milliarden Euro erwirtschafteten, herrscht in der Branche Alarmstimmung. Die Hauptursache: Eine kaum zu bändigende Ausgabendynamik und ein schwelender Finanzstreit mit dem Bund.
Finanzen im Detail: Überschuss kaschiert strukturelles Defizit
Die vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) am 05.09.2025 veröffentlichten Halbjahreszahlen zeigen, dass Einnahmen (176,8 Mrd. Euro) die Ausgaben (174,0 Mrd. Euro) leicht überstiegen. Dieser Überschuss ist jedoch kein Zeichen von Entspannung, sondern laut GKV-Spitzenverband dringend notwendig, um die gesetzliche Mindestreserve der Kassen wieder aufzufüllen. Die Reserven betrugen zur Jahresmitte nur 4,6 Milliarden Euro und lagen damit weiterhin unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestniveau.
Die Ausgaben für Leistungen und Verwaltungskosten stiegen im ersten Halbjahr, bei einem marginalen Zuwachs der Versichertenzahlen von 0,1 Prozent, um beachtliche 7,8 Prozent. Innerhalb der Leistungsausgaben (insgesamt 166,1 Mrd. Euro) waren die Krankenhauskosten der stärkste Treiber, dicht gefolgt von den Ausgaben für Ärzte und Arzneimittel. Auch die Ausgaben für Hilfsmittel stiegen um 254 Millionen Euro auf rund 6,1 Milliarden Euro.
Eskalation mit dem Bund: Die 10-Milliarden-Klage
Die angespannte Finanzlage eskaliert nun in einem juristischen Streit: Der GKV-Spitzenverband hat im September beschlossen, Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland zu erheben. Es geht um die Unterfinanzierung der Gesundheitsversorgung von Bürgergeld-Beziehenden. Der GKV-Spitzenverband fordert jährlich rund zehn Milliarden Euro vom Bund, da die staatliche Pauschale die tatsächlichen Kosten bei Weitem nicht decke.
Der Verband und Vertreter von Arbeitgeber- und Versichertenseite betonen, dass diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe nicht länger von den Beitragszahlern und Arbeitgebern über höhere Beiträge finanziert werden dürfe. CDU-Generalsekretär Linnemann unterstützte diese Forderung, indem er allgemein forderte, versicherungsfremde Leistungen endlich über Steuermittel zu finanzieren.
Reformdebatte: Basistarif vs. Strukturreformen
Angesichts der drohenden Beitragserhöhungen für 2026 wächst der Druck auf die Bundesregierung, Strukturreformen auf den Weg zu bringen. Aus der Spitze des BMG kam im September ein unerwarteter Vorstoß: Der Parlamentarische Staatssekretär Tino Sorge schlug die Einführung eines günstigeren Basistarifs in der GKV vor. Versicherte könnten dann nach dem Baukastenprinzip kostenpflichtige Zusatzpakete hinzuwählen, um ihren Leistungsumfang zu erweitern. Das Ziel: Mehr Wahlfreiheit und stabile Beiträge.
Die Reaktion von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken war jedoch distanziert: Sie stellte am selben Tag klar, dass dies aktuell keine Maßnahme sei, die ihr Ministerium zur Stabilisierung der Beiträge vorbereite. Der Vorschlag könne jedoch in der für September angekündigten Reformkommission diskutiert werden. Kritiker wie der GKV-Spitzenverband halten die Diskussion um Tarife für eine Ablenkung von den eigentlichen, kostentreibenden Strukturproblemen im System (z.B. Krankenhäuser, Arzneimittelpreisverhandlungen).
Bis zu den endgültigen Reformen prüft die Regierung laut Medienberichten unter anderem die Option eines Darlehens an den Gesundheitsfonds, um die Beiträge kurzfristig stabil zu halten. Längerfristig werden jedoch weiterhin Maßnahmen wie höhere Selbstbeteiligungen bei Arztbesuchen diskutiert.
Private Krankenversicherung (PKV): Stabile Entwicklung
Im Kontrast zur angespannten GKV-Lage präsentierte sich die PKV in guter Gesundheit. Der Verband der PKV meldete für das Jahr 2024:
- Vollversicherte: Stabiler Bestand von 8,74 Millionen (+29.600).
- Zusatzversicherungen: Deutlich dynamisches Wachstum um 4,5 Prozent auf 31,2 Millionen Versicherte.
- Beitragseinnahmen: Anstieg um 3,4 Prozent auf 50,3 Milliarden Euro.
Das sind gute Zahlen, da die PKV durchaus eine indirekte Rolle bei der Stabilisierung des Gesamtsystems spielt.
Die Informationen zeigen: Der Handlungsbedarf ist riesig und betrifft uns alle, beruflich wie privat.
TCLOGische Zahl(en) des Monats

Bei DHL arbeiten mittlerweile 1.700 Roboter. Damit werden bereits 60 Prozent aller Sendungen von Maschinen sortiert.
Das zeigt, wie essenziell die Robotik geworden ist, um die ständig steigenden Sendungsmengen und den Mangel an Fachkräften unter einen Hut zu bekommen. Zudem dient sie auch der Entlastung der Mitarbeitenden bei diesen körperlich fordernden Bereichen der Paketabfertigung.
DHL hat in den letzten Jahren über eine Milliarde Euro in die Automatisierung seiner Kontraktlogistik investiert und plant den konzernweiten Einsatz von über 1.000 weiteren Robotern.
TCLOG informiert: Digitalisierung ja – aber ohne volle Anbindung? Wo die Hilfsmittelbranche bei eVO, eBA und ePA steht

Seit dem 1. Oktober sind Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken in Deutschland dazu verpflichtet, Diagnosen, Behandlungen und Medikationen in der elektronischen Patientenakte (ePA) zu dokumentieren. Andernfalls drohen Honorarkürzungen. Das dürfte einige treffen: Laut aktuellen Zahlen waren zum Stichtag zwar rund 93 Prozent der Praxen und Apotheken technisch startklar, doch viele Kliniken werden erst im kommenden Jahr vollständig angeschlossen sein.
Die Idee hinter der ePA ist richtig: Sie soll Informationen bündeln und die Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen, Therapeuten, Apotheken und anderen Leistungserbringern verbessern. Doch eine Berufsgruppe bleibt weiterhin außen vor: die Hilfsmittel-Leistungserbringer.
Was bei der Einführung des E-Rezepts begann, setzt sich nun fort: Sanitätshäuser und Orthopädietechniker werden in die digitalen Strukturen des Gesundheitswesens nur am Rande einbezogen. Für sie gibt es eine eigene Lösung – die elektronische Verordnung (eVO) für Hilfsmittel. Doch diese Sonderrolle erweist sich zunehmend als Nachteil.
Streitpunkt eBA-Wegfall: Vereinfachung oder neuer Ausschluss?
Mit dem geplanten Pflege-Entbürokratisierungsgesetz will das BMG den elektronischen Berufsausweis (eBA) als Zugangsmedium zur Telematikinfrastruktur (TI) für Hilfsmittel-Leistungserbringer abschaffen. Der Gedanke dahinter: Der Zugang zur e-Verordnung soll damit einfacher werden.
Kritiker sehen darin allerdings mehr Risiko als Erleichterung. Der Verein der E-Rezept-Enthusiasten warnt, dass so ein unvollständiger Digitalisierungsschritt entstehe. Ohne gesichertes Identifikationsverfahren könnten Verordnungen zwar schneller verarbeitet werden – aber ohne verlässlichen Qualitätsnachweis. Und: Der Zugang zu anderen TI-Funktionen, insbesondere zur ePA, bleibt weiterhin versperrt.
Der Verein fordert stattdessen:
- Präqualifikation als Zugangsgrundlage zur TI – sie gilt bereits als etablierter Eignungsnachweis.
- Persönliche digitale Identität über die PQ-Datenbank, um Sicherheit und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten.
- Rechtliche Verankerung im SGB V, um Hilfsmittel-Leistungserbringer dauerhaft in die TI einzubinden.
- Konsequente Digitalisierung der Hilfsmittel-Richtlinie („digital only“)
- Gleichberechtigten Zugang zu allen TI-Funktionen, insbesondere zur ePA.
eVO-Pilotprojekt zeigt: Die Betriebe sind bereit
Während die politischen Weichen noch gestellt werden, zeigen die Betriebe längst, dass sie digital arbeiten können. Seit Juli läuft die zweite Phase des Pilotprojekts zur elektronischen Verordnung für orthopädische Hilfsmittel. Über 200 eVOs wurden bereits erfolgreich umgesetzt, die beteiligten Unternehmen bewerten die digitale Anwendung als alltagstauglich.
Bedienung, Datenabgleich und Zeitaufwand schneiden gut ab. Die Systeme funktionieren. Einzig die technische Anbindung an die TI bleibt ein offener Punkt. Denn in der aktuellen TI-Roadmap der Gematik wurde die eVO auf die Warteliste gesetzt. Der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik warnt: Die Betriebe sind vorbereitet, jetzt müssen auch die politischen Rahmenbedingungen folgen.
ePA bleibt weiterhin verschlossen
Auf Nachfrage bestätigte das Bundesgesundheitsministerium: Auch wenn der eBA künftig entfällt, wird sich am Zugang zur ePA nichts ändern. Hilfsmittel-Leistungserbringer bleiben ausgeschlossen.
Das bedeutet: eVO ja – ePA nein.
Damit bleibt die Digitalisierung im Hilfsmittelbereich auf halber Strecke stehen. Die Branche soll digitale Verordnungen verarbeiten, darf aber nicht an der ganzheitlichen Patientenversorgung teilnehmen.
Dabei beweisen die Hilfsmittel-Leistungserbringer im eVO-Pilotprojekt, dass sie technisch, organisatorisch und fachlich bereit für die Digitalisierung sind. Was fehlt, ist der politische Wille, sie gleichberechtigt in die Telematikinfrastruktur einzubinden.
Die entscheidende Frage lautet also nicht, wann Sanitätshäuser digitalisieren.
Sondern: Wann lässt man sie endlich vollständig mitspielen?
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Text 1: © Roger Brown/Pexels
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