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Zwischen Lieferfähigkeit und Lagerkosten: Bevorratungsstrategien für die Hilfsmittelversorgung

Lange Zeit galt schlanke Lagerhaltung als Ideal. Produkte sollten möglichst genau dann eintreffen, wenn sie gebraucht werden. Das spart Lagerfläche, bindet weniger Kapital und macht Unternehmen flexibel. „Just in time“ lautete das Prinzip, das sich über viele Jahre in nahezu allen Branchen durchgesetzt hat.

Heute wird wieder anders gedacht. Bereits im Juli 2025 hat die Europäische Kommission eine Strategie vorgestellt, mit der Europa krisenfester werden soll: externer Link.

Roxana Mînzatu, Exekutiv-Vizepräsidentin für soziale Rechte und Kompetenzen, hochwertige Arbeitsplätze und Vorsorge, sagte bei der Vorstellung der Planung: „ Unser Ziel für eine krisenfeste Union ist klar – den Menschen zu schützen. Vorsorge ist eine kollektive Verantwortung, und in Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten kann die EU einen echten Unterschied machen.“

Um dieses Ziel zu erreichen, sollen lebenswichtige Güter künftig gezielter bevorratet werden. Geplant sind unter anderem ein europaweites Netzwerk strategischer Lager, neue Modelle wie virtuelle Bestände sowie eine engere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten bei der Krisenvorsorge.

Der Hintergrund dieser Strategie liegt auf der Hand: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell vermeintlich stabile Lieferketten ins Wanken geraten können.

Während der Corona-Pandemie fehlten plötzlich Masken, Handschuhe und andere medizinische Produkte. Der Ukrainekrieg ließ Energiepreise und Transportkosten in die Höhe schnellen. Angriffe auf wichtige Handelsrouten verzögerten Lieferungen weltweit. Extreme Wetterlagen stellen ein weiteres Risiko für Straße und Schiene dar. Und auch Cyberangriffe auf Krankenhäuser oder Logistikunternehmen können heute dazu führen, dass Lieferketten vorübergehend stillstehen. 

Bevorratung: Warum volle Regale allein keine sichere Versorgung schaffen

Für Sanitätshäuser und andere Hilfsmittelversorger stellt sich damit eine ganz praktische Frage: Was bedeutet das eigentlich für den eigenen Betrieb?

Die naheliegende Antwort wäre, mehr Ware auf Lager zu legen. In der Praxis stößt dieser Gedanke jedoch schnell an Grenzen.

Viele Hilfsmittel gibt es in zahlreichen Größen, Ausführungen und Varianten. Ein Rollstuhl ist eben nicht gleich ein Rollstuhl. Hinzu kommen individuelle Anpassungen, Zubehör oder Sonderanfertigungen. Niemand kann alle Eventualitäten bevorraten.

Auch wirtschaftlich ist das kaum darstellbar. Jedes zusätzliche Pflegebett, jeder Elektrorollstuhl und jede Mobilitätshilfe bindet Kapital und benötigt Lagerfläche. Gerade innerstädtische Sanitätshäuser verfügen häufig nur über begrenzte Kapazitäten.

Sinnvoll bevorraten lassen sich vor allem Produkte mit hohem Standardisierungsgrad und regelmäßigem Bedarf. Dazu gehören beispielsweise Gehhilfen, Rollatoren, Verbrauchshilfsmittel oder Produkte für die Wundversorgung. Individuelle Hilfsmittel entstehen dagegen häufig erst nach einer konkreten Versorgungssituation und lassen sich kaum auf Vorrat lagern.

Die Corona-Pandemie hat außerdem gezeigt: Bevorratung geht über die Beschaffung großer Mengen hinaus. Millionen Schutzmasken wurden in kurzer Zeit beschafft, vielfach zu hohen Preisen. Jahre später mussten große Mengen vernichtet werden, weil sie nicht mehr verwendet werden konnten oder ihr Verfallsdatum überschritten hatten.

Bevorratung braucht Augenmaß und Vorbereitung

Entscheidend ist also, die richtigen Produkte in der richtigen Menge vorzuhalten und sie bei Bedarf schnell an den richtigen Ort zu bringen. Für Sanitätshäuser lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die eigene Versorgung:

  • Welche Produkte verlassen Ihr Lager regelmäßig?
    Hier lohnt sich eine laufende Auswertung, unterteilt in monatliche, quartalsweise und ggf. saisonale Lagerbewegungen. Rollatoren, Unterarmgehstützen oder Verbrauchshilfsmittel gehören oft dazu. Hier kann ein sinnvoller Lagerbestand Engpässe überbrücken. Maßgefertigte Orthesen oder individuell konfigurierte Elektrorollstühle dagegen entstehen erst im konkreten Versorgungsfall.
  • Wo könnte es kritisch werden? 
    Manche Hilfsmittel kommen nur von wenigen Herstellern oder haben besonders lange Lieferzeiten. Diese Produkte verdienen besondere Aufmerksamkeit, bevor sie plötzlich fehlen.
  • Reicht der Platz überhaupt aus? 
    Mehr Lagerbestand klingt einfach, ist im Alltag aber häufig eine Platzfrage. Dann gewinnt die Zusammenarbeit mit Herstellern und Logistikpartnern an Bedeutung, die kurzfristig liefern können oder auch Lagerflächen zur Verfügung stellen können.
  • Sind Ihre Abläufe auf den Ernstfall vorbereitet? 
    Wenn Lieferzeiten steigen oder Produkte kurzfristig nicht verfügbar sind, brauchen Sie feste Ansprechpartner und kurze Entscheidungswege. Stellen Sie Ihre Prozesse daher regelmäßig auf den Prüfstand und bauen Sie stabile Beziehungen auf. So sparen Sie wertvolle Zeit und sorgen dafür, dass Patientinnen und Patienten trotzdem schnell versorgt werden können.

Unser TCLOGischer Blick

Die wichtigste Reserve liegt heute oft gar nicht im eigenen Lager, sondern in einer Lieferkette, die auch unter Druck funktioniert.