Sehr geehrte Damen und Herren,
von wegen, alles neu macht der Mai: Abgesehen davon, dass wir – wenn auch nach einem holprigen Start – eine neue Bundesregierung haben, scheint sich vieles derzeit zu wiederholen. Jedenfalls bei den Themen, über die wir in vergangenen Newsletters behandelt haben und in unserer Einleitung gern noch einmal aufgreifen. So wie diese beiden:
Der Krankenkassenbeitragsschock geht weiter. Zum 1. Mai hat sogar die BKK firmus den Zusatzbeitrag von 1,84 auf 2,18 Prozent angehoben. Das Unternehmen aus Bremen rühmt sich zu Recht damit, die günstigste Krankenkasse Deutschlands zu sein. Begründet wird dieser Schritt mit deutlich höheren Ausgaben und einer erschwerten Ausgabenplanung durch enorm gestiegene Gesundheitskosten sowie viele politische Entscheidungen der vergangenen Jahre. Trotz der Erhöhung bleibt die BKK firmes die günstigste bundesweit zugängliche Kasse. Zum Vergleich: Sowohl bei der BKK24 als auch die Knappschaft liegt der Zusatzbeitrag bei über 4 Prozent!
Und das ist wohl nur der Anfang. Sowohl DAK-Chef Andreas Storm als auch der ehemalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach warnen vor kräftig steigenden Beiträgen spätestens zum Jahreswechsel. Lauterbach appelliert daher an die neue Regierung, die Reformen weiterzuführen und dem teuren Trend entgegenzusteuern. „Insgesamt hat das deutsche Gesundheitssystem genug Geld“, erklärte er im Interview mit t-online. Deutschland habe das teuerste Gesundheitssystem in Europa – „wir haben aber nur mittelmäßige Qualität“.
Mittelmäßig schneidet auch die Einführung der elektronischen Patientenakte ab. Jedenfalls bei den Arztpraxen. Einer Umfrage der Stiftung Gesundheit zufolge sagen drei Viertel der befragten Praxen, dass die Arbeit mit der ePA schlechter als erwartet funktioniert. Hauptkritikpunkte sind die Software und der hohe Aufwand für alle Beteiligten. Nur 15 Prozent wurden positiv überrascht. Wetten, das sind die, die aus der Einführung des E-Rezepts gelernt haben?
Technische Innovation sind nun einmal nicht jedermanns Sache. Das sieht man an der aktuellen Diskussion um die DiGa, den Digitalen Gesundheitsanwendungen, die wir in diesem Newsletter aufgreifen. Außerdem kommen wir an einem Thema nicht vorbei: An der Zollpolitik des Donald Trump, die die Weltwirtschaft erschüttert hat. In unserem Beitrag geht es konkret um die Auswirkungen auf die Reha- und Healthcarebranche und darum, wie sie mit der Situation umgehen kann.
Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre und einen schönen Wonnemonat Mai.
Herzliche Grüße
Ihr TCLOGistiker
Peter Bergfeld
TCLOG informiert: So kann die Branche Trumps Zollbeben entgegenwirken

Schlechter hätte das Timing kaum sein können. Kaum hatten sich die internationalen Lieferketten nach der Pandemie langsam wieder eingependelt, schlägt der nächste geopolitische Dämpfer zu: Der neu aufgeflammte Zollstreit – diesmal nicht nur zwischen den USA und China, sondern mit potenziellen Auswirkungen auf weite Teile des Welthandels – bringt Bewegung ins System. Und das ausgerechnet jetzt, wo Planungssicherheit in der Gesundheitsversorgung wichtiger denn je ist.
Was ist passiert?
Die USA haben unter Ex-Präsident Trump bereits 2018 begonnen, Zölle auf eine Vielzahl ausländischer Produkte zu erheben – vorrangig aus China. Doch in der neuen Eskalationsstufe werden nun auch andere Herkunftsländer getroffen, etwa durch sektorübergreifende Zölle auf Medizin- und Elektronikprodukte, die auch in Europa, Indien, Vietnam oder Mexiko gefertigt werden. Zwar hat Trump vielen Staaten, darunter auch Deutschland, zunächst ein 90-tägiges Moratorium gewährt. Doch die Kuh ist dadurch noch nicht vom Eis.
Besonders heikel: Erstmals hat Trump auch Zölle auf pharmazeutische und medizinische Produkte in Aussicht gestellt. Und das trifft gerade Länder wie Deutschland, die in diesem Bereich wichtige Exporteure sind. Europäische Pharmakonzerne stocken daher bereits ihre Vorräte in den USA auf – aus Sorge vor Engpässen.
Die Folge: Ein Flächenbrand in den Lieferketten.
Für die Reha- und Healthcarebranche bedeutet das konkret: Rollstühle, Gehhilfen, orthopädische Schienen, Messgeräte oder Prothesenkomponenten könnten teurer und schwerer verfügbar werden – unabhängig davon, ob sie nun direkt aus China stammen oder über andere Produktionsstandorte gefertigt und geliefert werden.
Denn die Branche ist längst global aufgestellt.
Ob eine Prothese in Deutschland montiert wird oder nicht: Viele Bauteile stammen aus internationalen Netzwerken. Und wenn dort an einer Stelle die Kosten durch neue Zölle steigen, wirkt sich das über kurz oder lang auch auf die Preise vor Ort aus. Laut Prognosen des ifo Instituts könnten Trumps Zollpolitik das deutsche Bruttoinlandsprodukt im kommenden Jahr um etwa 0,3 Prozent senken – und langfristig sogar um bis zu 1,2 Prozent. Ein Dämpfer, der auch im Gesundheitsbereich spürbar sein wird.
Dazu kommt: Die Reaktion der Hersteller.
Einige ziehen sich aus den USA zurück oder verlagern ihre Lieferketten – was wiederum neue Unsicherheiten mit sich bringt. Andere geben die gestiegenen Kosten direkt weiter. Für Unternehmen wie Sanitätshäuser bedeutet das: Preise schwanken, Lieferzeiten werden unberechenbar, die Suche nach Alternativen wird aufwendiger.
Was kann die Reha- und Healthcarebranche jetzt konkret tun?
Zölle lassen sich nicht verhindern – aber ihre Auswirkungen lassen sich abfedern. Wer vorbereitet ist, bleibt handlungsfähig. Diese drei Strategien helfen aktuell besonders weiter:
- Auf mehrere Lieferanten setzen – auch innerhalb Europas
Manche Sanitätshäuser arbeiten traditionell mit wenigen, bewährten Herstellern. In Zeiten geopolitischer Unsicherheit ist das riskant. Eine breitere Aufstellung schützt vor Lieferengpässen – vor allem, wenn man gezielt auch europäische Hersteller einbindet. Die produzieren zwar nicht immer günstiger, aber dafür oft stabiler und mit kürzeren Wegen. - Mit Herstellern und Großhändlern ins Gespräch gehen
Wer seine Lieferanten kennt, regelmäßig nachhakt und sich über mögliche Verzögerungen und Preisentwicklungen informiert, kann schneller reagieren – etwa durch frühzeitige Nachbestellungen oder Umplanungen. Viele Hersteller bieten mittlerweile auch Tools oder Frühwarnsysteme an, mit denen sich Versorgungsrisiken besser einschätzen lassen. - Interne Prozesse flexibler gestalten
Ob Wareneingang, Produktberatung oder Versorgungspraxis – wer die internen Abläufe agil aufstellt, kommt besser durch unsichere Zeiten. Ein Beispiel: Wenn bestimmte Hilfsmittel knapp werden, können Schulungen helfen, gleichwertige Alternativen schneller zu empfehlen und Patient:innen sicher umzustellen. Auch digital gestützte Lagerhaltung kann helfen, Bestände effizienter zu verwalten.
Extra-Tipp: Förderprogramme prüfen!
Es gibt immer wieder staatliche oder branchenspezifische Förderungen, etwa für Digitalisierung oder Prozessoptimierung – genau dort, wo betroffene Unternehmen jetzt ansetzen sollten. Ein Blick in Förderdatenbanken kann sich lohnen.
Für weitere Informationen verweisen wir gern auf zwei umfassende Artikel bei Impulse. Dieser geht um vertragliche Fragen, und in diesem finden Sie branchenübergreifende Hinweise.
Und sonst?
Ein wenig Geduld – und ein klarer Blick auf das große Ganze. Der Zollstreit wird vermutlich nicht ewig dauern. Doch wer ihn als Anlass nimmt, die eigenen Abläufe robuster aufzustellen, wird auch für künftige Krisen besser gewappnet sein.
Lassen Sie uns über den eigenen Tellerrand hinausschauen, geopolitische Entwicklungen mitbedenken und strategisch vorsorgen. Denn auch wenn der nächste Container noch ankommt: Ob, wann und zu welchem Preis der übernächste tut, ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr.
TCLOGische Zahl(en) des Monats

Man glaubt es kaum: Der Preisindex für medizinisches Verbrauchsmaterial ist im ersten Quartal 2025 tatsächlich gefallen – und zwar deutlich um 1,28 Punkte auf 100,47 Punkte. Medizinisches Verbrauchsmaterial kostet damit fast wieder so viel wie vor zwei Jahren. Besonders bei Hygieneartikeln, Schutzkleidung und Laborbedarf sind die Preise zurückgegangen.
Ein kleines Aufatmen in Zeiten, in denen sonst alles teurer wird. Wenn da nicht die Frage wäre: Bleibt’s dabei – oder ist die Verschnaufpause schneller vorbei, als uns lieb ist?
TCLOG fragt: Ist die Kritik an Digitalen Gesundheitsanwendungen berechtigt?

Seit 2020 können Ärzt:innen sogenannte DiGA – also Digitale Gesundheitsanwendungen – auf Rezept verschreiben. Die Idee: einfache Hilfe per App, direkt aufs Smartphone, wissenschaftlich geprüft und erstattet von der Krankenkasse. In der Praxis jedoch wächst die Kritik – allen voran vom GKV-Spitzenverband.
In seinem aktuellen Bericht schlägt der Verband Alarm: Steigende Kosten bei unklarem Nutzen, so das Fazit. Nur 18 % der aktuell gelisteten DiGA konnten von Beginn an ihren medizinischen Mehrwert nachweisen. Trotzdem: Sobald eine DiGA ins Verzeichnis aufgenommen wird – auch nur zur Erprobung – muss die GKV zahlen. Und das nicht zu knapp.
Hersteller bestimmen im ersten Jahr den Preis selbst, unabhängig vom tatsächlichen Nutzen. Spitzenreiter: über 2.000 Euro für eine App in der Testphase. Der Durchschnittspreis liegt mittlerweile bei 541 Euro – ein Anstieg von 32 % seit dem ersten Berichtsjahr. Die Sorge des Verbandes: Ein wirtschaftlicher Blindflug auf Kosten der Beitragszahlenden.
GKV fordert klare Regeln – die Hersteller halten dagegen
Drei gesetzliche Änderungen fordert der GKV-Spitzenverband:
- Nur DiGA mit nachgewiesenem Nutzen sollen erstattet werden
- Preisverhandlungen müssen ab Tag eins gelten
- Höher eingestufte DiGA mit potenziellen Risiken sollen stärker geprüft werden – etwa vom Gemeinsamen Bundesausschuss
Doch die Industrie wehrt sich. Der BVMed verweist darauf, dass Hersteller bereits heute für die vorläufige Aufnahme belastbare Studien vorlegen müssen – meist randomisierte kontrollierte Studien. Von „fehlendem Nutzen“ könne keine Rede sein. Auch eurocom e.V. sieht im Bericht des GKV-Spitzenverbandes keine neutrale Analyse, sondern „reine Abwehrhaltung“.
Ein weiterer Kritikpunkt: Der Verband ignoriere, dass DiGA reale Versorgungslücken füllen können – gerade in Bereichen, wo der Fachkräftemangel besonders spürbar ist. Allein in der Physiotherapie fehlen laut aktuellen Zahlen über 11.000 Fachkräfte. Digitale Anwendungen könnten hier gezielt helfen – etwa bei der begleitenden Therapie nach Verletzungen.
Innovation oder Kostentreiber?
Die Diskussion zeigt: Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Apps. Sondern um Grundsatzfragen in der Gesundheitsversorgung:
Wie viel Innovation wollen wir? Wie viel Evidenz brauchen wir? Und wer entscheidet, ob eine digitale Anwendung sinnvoll ist – Ärzt:innen oder Krankenkassen? Wo bleiben die Patient:innen dabei?
Solange diese Fragen nicht geklärt sind, bleibt der Streit um DiGA ein Zankapfel. Klar ist aber auch: Wenn digitale Gesundheitsanwendungen ihr Potenzial entfalten sollen, brauchen sie Vertrauen. Und das entsteht nur durch Transparenz – beim Nutzen, bei den Preisen und bei den Regeln.
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